Kater Findus aus Ostfriesland

Mein jetziger Name ist Findus, ich bin geschätzte gute 3 Jahre alt und war bis jetzt ein mittelloser Lebenskünstler.

Aus meinem vorhergehenden Leben will ich Euch gar nichts erzählen, habe ich einfach aus meinem Gedächtnis gestrichen und will mich auch gar nicht daran erinnern.

 

Eigentlich begann mein richtiges Leben erst am Samstag, dem 8. März 2014.

An diesem frühen Morgen schlendere ich nichtsahnend, völlig entspannt, gemütlich und ziellos durch eine Wohnsiedlung. Im Gepäck hatte ich natürlich meine Zecken und zahlreiche Flöhe, die mich schon die ganze Zeit nervten, die ich aber trotz aller Bemühungen meinerseits nicht los wurde … sie hatten ihren Wirt gefunden und basta!

 

Vollkommen in Gedanken versunken, wo ich mir denn wohl eine hübsche Braut angeln könnte, hörte ich plötzlich ein furchterregendes Knurren.

Nein, bitte nicht, bloß kein Hund, der hätte mir jetzt gerade noch gefehlt.

Aus meinen Gedanken gerissen, bereitete ich mich innerlich schon auf einen Kampf vor, schaute nach links, dann nach rechts ... mmhhh ... hinter mir war auch nichts und niemand. Da, - wieder dieses Knurren, - jetzt merkte ich aber, dass dieses unangenehme Geräusch aus mir selbst kam. Du meine Güte, wie dumm von mir, es war mein eigener Magen, der da so grauenvoll knurrte.

 

Also, es nützte alles nichts, die Suche nach der hübschen Mieze wurde notgedrungen verschoben, mein hungriger Magen forderte zuerst seinen Tribut.

Ich machte mich daher auf die Suche nach etwas Essbarem, nur hier in der Wohnsiedlung ist das leichter gesagt als getan.

Es stand nirgendwo eine Schüssel mit Katzenfutter vor irgendeiner Tür.

Haben die Leute hier denn keine Katzen, die sie füttern und um die sie sich kümmern? Die Mäuse, falls überhaupt vorhanden, hatten scheinbar auch das Weite gesucht, und an einen Vogel zu kommen, daran war gar nicht zu denken. Ich ließ meinen Blick schweifen, erkannte anhand des Straßenschildes, dass ich mich in der Werrastraße befand, - so weit, so gut. Allerdings half mir das auch nicht weiter, endlich an Futter zu kommen. Ich brauchte unbedingt etwas zwischen meinen Zähnen, einen kleinen Snack für zwischendurch, damit endlich dieses verdammte Knurren aufhörte.

Da, plötzlich sah ich auf der rechten Seite ein Einfamilienhaus ... mit dem mir wohlbekannten Duft von Katzen. Endlich war ich am Ziel meiner Wünsche, zumindest, was mein Hungergefühl anging. 

Aber Pech gehabt…. menno, dieser Garten war eingezäunt. Ich stand vor einem Problem. Aber nicht lange…. ich bin ja ein ausgebuffter Kater, der sich bisher immer durchgeschlagen hatte und stets bekam, was er wollte.

Auf ganz leisen Pfötchen schlich ich mich vorsichtig an das Haus heran … man kann ja nie wissen, was einen dort so erwartet.

Niemand war zu sehen, - umso besser für mich. Gut, das Grundstück war zwar von einem 2,40 m hohen Maschendrahtzaun umgeben, aber das ist für mich doch kein Problem.

Das olle Magenknurren wurde immer schlimmer und lauter, ich hatte schon Bedenken, dadurch die Anwohner zu wecken.

Der Hunger spornte mich an ... ich nahm einen gewaltigen Anlauf und mit einem Riesensatz sprang ich auf den Zaun und dann auf das Grundstück….. von Georgies Mama. Scheinbar war ich am Ziel meiner Wünsche. Allerdings war das wohl ein Irrtum, wie sich später herausstellen sollte.

 

Nun stand ich also im Garten von Georgies Mama, was ich allerdings zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht wusste. Ich schaute mich genauer um, alles ruhig, es schienen alle noch zu schlafen.

So langsam ging die Sonne auf und tauchte den Garten in ein wunderschönes Licht.

Alles Quatsch, für einen Kater alleine, ohne Mieze, war das viel zu romantisch und kitschig. Ich ließ den Sonnenaufgang alleine und machte mich auf die Suche nach Futtertöpfen, was eindeutig wichtiger für mich war. 

Aber verdammt, irgendetwas zog mich magisch an, aber was? Ich schaute zur Terrasse, und blieb dann wie angewurzelt stehen, etwas sehr schmerzhaftes bohrte sich in meine Brust, in mein Herz, der Atem stockte mir, mein Puls raste, das Blut zirkulierte wie verrückt durch meine Adern, in meinen Ohren rauschte es wie die Brandung eines Meeres (aber nein, es war kein Hörsturz oder Tinnitus, bitte seid doch nicht so unromantisch).

 

Ich war geblendet. War es das Licht der aufgehenden Sonne oder der Schönheit, die wenige Meter von mir entfernt auf der Terrasse stand und mich unentwegt beobachtete?

 

Das Sonnenlicht umrahmte ihre grazile Gestalt und ließ sie irgendwie überirdisch erscheinen. Da stand sie vor mir ... meine Traummieze, nach der ich schon so lange suchte. Sie trug ein kurzes, schwarzes Fellkleid, sozusagen das „kleine Schwarze“, mit weißen Applikationen an den schlanken Beinen und am Hals, und sie hatte einen frech wirkenden weißen Klecks an der rechten Seite ihres entzückenden Leckermäulchens.

KYRA
KYRA

Eine Modell-Figur, mit Rundungen an den richtigen Stellen, und erst diese wunderschönen großen Augen, die mich nicht losließen. Ich erstarrte zur Salzsäule, vergessen waren Hunger, der knurrende Magen, der fremde Garten um mich herum, der Schmerz in meinem Herzen, der von Amors Pfeil stammte, vergessen war die ganze Welt.

Ich sah nur noch sie ... und sie schaute mich an, - ich musste sie unbedingt kennen lernen. 

 

In den letzten Jahren hatte ich viele mehr oder weniger flüchtige Affären mit zahlreichen Miezen, ... sie alle flogen auf mich.

Aber hier bei dieser schönen Katzendame musste ich ganz behutsam vorgehen, um ihr Herz zu erobern. Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und sprach sie, immer mit der Angst im Nacken, sie könnte mich abweisen, leise an, um sie nicht zu verschrecken: ”Guten Morgen, meine Schöne, wie heißt Du denn?”

Sie starrte mich an, öffnete dann ihr entzückendes Schnäuzchen, um mir mit einer gurrenden Stimme, die mir den restlich verbliebenen Verstand raubte zu antworten: ”Ich weiß zwar nicht, was Dich das angeht, aber mein Name ist Kyra. Ich bin die Witwe von Baby.” Ich war wie vom Donner gerührt, mir fiel die Kinnspitze herunter und ich war im ersten Moment einfach nur sprachlos, dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Kyra und Baby … das Traumpaar.

Begegnet bin ich dem Kater Baby nie, habe aber viel von ihm gehört. Er war ein elfjähriger imposanter, stattlicher und friedliebender Tigerkater, der immer seine Pfote über Kyra hielt und sie beschützte, wo er nur konnte.

Die Beiden galten als unzertrennlich. Ich weiß noch, es ging damals wie ein Lauffeuer durch unseren Ort, Babys unheilbare und tödliche Krankheit, die auftretenden Symptome, die ihn dahinrafften und ihn immer schwächer werden ließen, bis Georgies Mama ihm den letzten Gefallen tat, ihn von seinen Qualen erlösen zu lassen, um ihm noch weiteres Leid zu ersparen.

 

Ich erinnere mich genau, als wäre es gestern gewesen: es war der 28. Mai 2013.

An diesem Tag ging er zur Regenbogenbrücke und musste seine Kyra hier auf Erden zurücklassen. Sämtliche Fellnasen im Ort trauerten um ihn, aber vor allem Kyra, die mit seinem Tod nicht zurechtkam, sich allein und im Stich gelassen fühlte, und sich in ihrer Trauer um Baby von allem zurückzog.

 

Jetzt stand sie vor mir, stolz und unnachgiebig, wie ein Fels in der Brandung. Aber was war das? Urplötzlich verwandelte sich ihre gurrende Stimme in ein Knurren, ihre Augen wurden noch größer und pechschwarz, ich hatte das Gefühl in ihnen zu versinken.

Sie bockte sich vor mir auf, wie ein alter Citroen, - tut mir leid, aber ein anderer Vergleich fiel mir nicht ein -, sie klappte ihre Ohren zurück, ihr Rückenfell sträubte sich, ihr Schwanz wurde buschig und eh ich mich versah, hatte ich erst rechts dann links eine Backpfeife bekommen. Jetzt kam sie erst richtig in Fahrt und stürzte auf mich zu.

 

Ich bin bisher keinem Kampf aus dem Weg gegangen, aber eine Katzendame schlagen, kommt nicht in die Tüte. Obwohl ein Streuner, so bin ich doch auch ein Gentleman ... 

Also hieß es für mich, schnellstmöglich die Biege zu machen, - raus aus diesem Garten, was sich allerdings als unmöglich herausstellte. Rein ja, aber raus? 

 

Nichts zu machen. Zoras Papa hatte ganze Arbeit geleistet, als er das “Gehege” zum Schutz von Babys Nachfolgern Jeanny, Topolina, Georgie und natürlich Kyra baute.

 

Aber da, was sahen meine Augen? Hinten rechts im Garten ein Gartenhäuschen, für mich die einzige Chance hier heraus zu kommen. Ich nahm einen gewaltigen Anlauf, will auf das Haus springen und ... Mist ... ich hatte total vergessen, dass ich ja erst gestern meine Maniküre und Pediküre hatte.

Ohne meine scharfen Krallen rutschte ich sofort ab und fand mich immer noch in diesem Garten wieder.

Jetzt schreit sie auch noch wie am Spieß und stürmt auf mich zu, wie eine katermordende Furie. Nichts mehr von dieser grazilen Schönheit vorhanden. Tja, da hatte sich Kater wohl geirrt! Sie brüllte und legte noch einen Zahn zu, um mich zu fangen:

”Sieh bloß zu, dass du Land gewinnst. Wir wollen hier mit Streunern nichts zu tun haben, - und an die Kleinen kommst du auch nicht ran. Wenn ich dich erwische, dann mache ich dich platt!” 

 

Solche harten Worte aus diesem einst entzückenden Schnäuzchen. Ich konnte es einfach nicht fassen. Wie in „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ verwandelte sie sich von einer Sekunde zur anderen …., nichts damenhaftes mehr vorhanden, sie benutzte nur noch Straßenjargon.

Was mache ich jetzt nur? Diese “Katzendame” war von 0 auf 100 in 2 Sekunden und wurde noch immer schneller. Sie hetzte mich von einer Seite des Gartens zur anderen. Ihr Geschrei artete mittlerweile in Gebrüll aus. Ich suchte einen Zufluchtsort, aber „Ausbruch unmöglich“.

Die einzige Zuflucht war ein Steinhaufen links neben der Terrasse, auf den ich in meiner Verzweiflung auch sprang und mich so gut es ging verkroch. Das Ergebnis ihres Gebrülls ließ nicht lange auf sich warten. Plötzlich wurde die Terrassentür geöffnet und heraus kam ... um Himmels Willen, was war das? Befand ich mich etwa auf einem Bahnhof, ohne es gemerkt zu haben?

Da kam etwas sehr zielstrebig auf mich zu, aber was? Ich rieb mir meine Augen, um besser sehen zu können ... oh nein … eine “Qualmwolke” auf zwei Beinen kam da auf mich zu, kam näher und näher, jetzt streckte sie auch noch ihre Hand nach mir aus.

Diese Hand kam näher und näher. Verzweifelt schaute ich mich nach allen Seiten um und sah keinen Fluchtweg für mich, neben und hinter mir eine Mauer und vor mir die aufgebrachte Frau, die einfach ihre Hand nicht zurückzog.

Ein unangenehmer Geruch strömte in meine Nase … Fisch? Rauch? … Räucheraal? Nein, auch nicht, denn von diesen Nahrungsmitteln ging ein Aroma aus und nicht dieser penetrante Brandgeruch. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, der allerdings unter den Attacken dieser schwarz-weißen kleinen Furie schon arg gelitten hatte, duckte mich, zog mich zusammen, machte mich ganz klein, legte die Ohren an, vergrößerte meine Pupillen, die dadurch noch dunkler wirkten, öffnete dann mein Schnäuzchen, zeigte dieser Frau mein tadelloses Gebiss, fauchte sie aus Leibeskräften an und knurrte besser als jeder Hund.

 

Meine Aktion zeigte augenblicklich Wirkung, denn sie zog ganz schnell ihre Hand weg, vergrößerte ihren Abstand zu mir und lief jetzt wie ein aufgescheuchtes Huhn hin und her. Jetzt fehlte eigentlich nur noch, dass sie anfing zu gackern.

 

Noch nicht ganz zu Ende gedacht, legte sie doch tatsächlich los und schrie ständig, sie müsse ihre Kleinen vor mir retten. Ich verstand kein Wort. Welche Kleinen? Ich hatte doch nur Bekanntschaft mit Kyra gemacht. Dann entzündete sie solch einen komischen Stengel. Das war in der Tat dieser eigenartige Geruch an ihrer Hand, - es war eine Zigarette!!!

Sie eilte ins Haus, kam mit einem sehr ruhig wirkenden Mann und einem flachen Ding (mit dem sie unentwegt redete) wieder heraus. Jetzt zündete sich auch noch der Mann einen Glimmstengel an. Zum Glück kam er nicht näher auf mich zu und ich hatte endlich Zeit, mich etwas zu entspannen, denn auch die Frau hielt Abstand.

 

Sie erzählte diesem flachen Ding in ihrer Hand etwas von einer Lebendfalle und an den Mann gewandt: „Mist, beim Tierschutz steht momentan keine Lebendfalle mehr zur Verfügung, sind alle in Gebrauch. Was machen wir denn jetzt?” 

Sie raste, immer noch ziemlich aufgeregt, auf die Tür zur Garage zu und öffnete sie, auch das Garagentor wurde von ihr aufgerissen. Dann kam sie wieder zurück und brüllte mich an: „Verschwinde endlich, sieh zu, dass du weg kommst. Lauf endlich raus und lass meine Kleinen in Ruhe!” 

Wie so oft in meinem Leben war ich nicht willkommen und sollte nun auch wieder verjagt werden. Ich sah meine Chance gekommen, wollte gerade von dem Steinhaufen springen und ganz schnell durch die Tür in die Freiheit flitzen, als ich rechts neben mir auf dem Steinhaufen einen imposanten Kater sitzen sah, der mich freundlich mit großen, gutmütigen, runden Augen ansah.

Ich hatte ihn gar nicht kommen hören, er war ganz plötzlich da. 

“Hallo, lieber Freund, bitte hab' keine Angst”, sagte er zu mir, „ich bin Leon, ein Maine Coon Kater und großer Europachampion, aber das interessiert dort, wo ich herkomme niemanden. Ich bin extra für dich auf die Erde herab gestiegen. Normalerweise lebe ich schon seit vielen Jahren mit anderen Fellnasen im Regenbogenland”. 

 

Ich wollte ihn fragen, was er denn von mir wolle, denn ich verstand immer noch kein Wort. Welches Land und wie kommt man dort hin? Bevor ich ihn fragen konnte, redete er weiter: „Bitte, habe Vertrauen zu mir, denn ich meine es nur gut mit dir. Ich gebe dir einen guten Rat und hoffe, du wirst ihn auch befolgen.” 

Seine Miene verdunkelte sich als er sprach: „Wenn du durch diese Tür gehst, hast du zwar deine Freiheit wieder, wirst aber verloren sein, bleibst du hier in diesem Garten, auf diesem Steinhaufen, dann werde ich “Sie” zu dir schicken und “Sie” wird dich retten.” “Wer ist “Sie”?, fragte ich erstaunt und neugierig.

Leon antwortet traurig, aber voller Stolz: „Sie ist meine Mama, die mich schon vor vielen Jahren zur Regenbogenbrücke begleiten musste, weil ich unheilbar krank war. Auch wenn “Sie” mich nicht mehr sehen kann, so bin ich doch ständig bei ihr und begleite “Sie” auf Schritt und Tritt.” Schmunzelnd fügte er hinzu: „Hin und wieder lenke ich ihre Geschicke und greife sehr gerne in das Schicksal ein, wenn es darum geht, einige gepeinigte und misshandelte Seelen von uns auf der Erde zu retten.” 

„Wenn Du “Sie” zu mir schickst, wie oder woran erkenne ich "Sie” denn?” fragte ich Leon ganz aufgeregt. Er schaute mich mit seinen gütigen, voller Leben sprühenden Augen an, lachte und meinte nur:” Keine Angst, mein Freund, du wirst “Sie” erkennen, Pfote drauf.”

Immer noch unentschlossen, schaute ich zu der Frau, die jetzt erneut mit dem flachen Etwas sprach, aber anscheinend keine Antwort bekam, jedenfalls hörte ich nichts.

 

Ich wandte mich wieder Leon zu, um mich weiter mit ihm zu unterhalten, aber er war nicht mehr zu sehen, hatte sich in Luft aufgelöst. Völlig irritiert schaute ich mich um und hörte die Frau nun zu ihrem Mann sagen: „Sie kommen gleich”. 

Mein Entschluss stand plötzlich fest, - ich rührte mich keinen Millimeter von meinem Steinhaufen weg, mag da kommen was da wolle. Daran würden auch Kyras Attacken nichts ändern.

 

Die Frau versuchte nun erneut, mich aus dem Garten zu vertreiben, ich blieb …

 

Abrupt drehte sie sich um, ging auf zwei Personen zu, die nun auch den Garten betraten: ein sympathisch aussehender Mann mit Fell im Gesicht und eine Frau, die einen Korb in ihrer Hand hielt. Die Zweibeiner begrüßten sich per Umarmung und dann blickten sie alle zu mir. Die Frau mit dem Korb kam langsam auf mich zu, stellte ihn ab, öffnete den Deckel und näherte sich mir. Ich kniff die Augen zusammen, um sie besser sehen zu können.

Oh, Schreck, was war das denn, was da auf mich zuschritt? Mir fiel augenblicklich eine Werbung aus dem Fernsehen ein, die ich einmal durch Zufall gesehen hatte, als ich auf der Suche nach etwas Essbarem war und durch ein geöffnetes Fenster schaute; dort hieß es „quadratisch, praktisch, gut”, und genau das „rollte” jetzt auf mich zu. 

 

Ich schaute sie mir genauer an, und hätte ich auf meinem Steinhaufen genügend Platz gehabt, so wäre ich vor Lachen umgefallen. Dieser “quadratische Pummel” hatte ein Nest auf ihrem Kopf!

Ein Spatzennest! Aber wo war der Vogel? Das Nest schien leer zu sein.

Glaubt mir, mittlerweile weiß ich, wo ihr Vogel ist… und es ist nicht nur einer! 

 

Alle anderen blieben mit Respekt zurück, nur sie kam nun immer näher und schaute mich mit ihren großen, braunen Augen liebevoll an. Ich hob mutig meinen Kopf und beim Blick in ihre Augen wurde mir schlagartig klar:” Das ist “Sie”; Leons Mama!” 

Jetzt stand sie direkt vor mir und sprach mit ruhiger, sanfter Stimme auf mich ein:

„Bist du aber ein hübscher Kerl!” 

Sie redete weiter mit mir: „Ich werde dich jetzt nehmen und in das Körbchen setzen. Es tut mir sehr leid, aber da ich nicht weiß, wie du reagieren wirst, muss ich den Griff anwenden, den ich so sehr hasse.”

Während sie ihren Monolog mit mir weiterführte, fühlte ich ihre Hand in meinem Nacken. Es erinnerte mich unwillkürlich an meine Mutter, die mich als Welpe immer im Nacken packte, wenn ich etwas ausgefressen hatte oder sie mit mir und meinen Geschwistern umzog. Ich ließ mich widerstandslos, ohne Kratzen, Knurren oder Fauchen von Leons Mama in den Korb setzen. Sie verschloss den Deckel und die andere Frau, die sich später als Georgies Mama entpuppte, stellte mir noch Trockenfutter und ein Schälchen mit Wasser in den Korb.

Noch am selben Tag fuhren wir zu einem Tierarzt der Notdienst hatte. Dort wurde mir eine Tablette gegen meine innen wohnenden Parasiten verabreicht, auch meine Flöhe und zahlreichen Zecken bekamen eine Dröhnung ab und mir wurde zum ersten Mal in meinem Leben Blut abgenommen.

Leons Mama wollte nämlich wissen, ob ich eventuell an Katzenaids oder Leukose erkrankt war. Ich ließ die ganze Prozedur anstandslos über mich ergehen, da ich immer noch Leons Worte im Ohr hatte.

 

Bis der erlösende Anruf der Tierärztin kam, blieb ich in diesem Korb. Dann endlich fuhren wir zu Leons Mama, und ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Ich bekam einen riesengroßen Wohnwagen als Unterkunft, den ich meine “Residenz” nannte. Er hat sich zwar von außen durch die Bäume und Blätter grün verfärbt, aber es kommt ja bekanntlich auf den Inhalt an ... nämlich mich!

Einige Tage später, am Dienstag, den 11.3.2014, erlebte ich noch einen schwarzen Tag, bis ich endlich mein Dasein in diesem Paradies auf Erden genießen konnte.

Genau an diesem Tag wurde ich meiner Männlichkeit beraubt, möchte hier aber auch nicht weiter auf die Details eingehen.

Es hat mehrere Wochen gedauert, bis ich mich von Leons Mama erobern ließ und hundertprozentiges Vertrauen zu ihr hatte. Sobald sie mich streicheln wollte, fauchte ich, schlug mit meinen Krallen nach ihr, kratzte und biss sie auch sehr heftig.

Es ist unglaublich, aber wahr, Leons Mama gab nicht auf und mit viel Geduld, Zeit, Einfühlungsvermögen, Zuneigung und Liebe eroberte sie mein Vertrauen und mein Herz.

Ich bin stolz, bei ihr sein zu dürfen und ihrem Leon unendlich dankbar. 

Unfreiwillig habe ich ihr aber dann noch wochenlang Sorgen bereitet, als mehrere Tierärzte meine Erkrankung (Struvitsteine) nicht in den Griff bekamen und Lebensgefahr im Raum stand.

Aber es gab da sehr viele Freunde, die ich leider bisher nicht persönlich kenne, die zusammen mit Leons und nun auch meiner Mama um mein Leben bangten und mitgeholfen haben, mich von den Struvitsteinen durch eine Behandlung in einer Tierklinik zu befreien.

 

Seitdem genieße ich hier in meiner großen Familie jeden einzelnen Tag und sprühe nur so vor Lebensfreude, die hin und wieder mein Papa zu spüren bekommt! 

Ich habe mein Streunerleben hinter mir gelassen. Aus einem mittellosen Lebenskünstler wurde ein glücklicher, schmerzfreier und reicher Kater. Nein, ich meine nicht den materiellen Wert….. ich besitze etwas, das viel wertvoller ist. 

Ich habe hier viele Geschwister, mit denen ich mich verstehe, einen Papa und eine Mama, die mich von ganzem Herzen lieben, alles für mich tun würden und eine komplette “Residenz” für mich alleine. Und ich habe sehr viele Freunde, die ich zwar nicht täglich sehe, die aber immer füreinander einstehen und sich gegenseitig helfen.

Darum rate ich Euch, nicht gleich eine Freundschaft über Bord zu werfen, wenn verschiedene Meinungen existieren sollten. Bedenkt bitte und nehmt es Euch zu Herzen: “Ein Freund ist wie eine Perle im Ozean, schwer zu finden und sehr kostbar!” 

Wenn eines Tages einmal auch für mich der letzte Vorhang fällt und ich mich auf den Weg zur Regenbogenbrücke begebe, so habe ich keine Angst vor dem Sterben, denn ich weiß genau, dass “Sie” mich bis zum Schluss begleiten und bei mir sein wird.

Auf der anderen Seite an der Brücke werde ich dann schon von “Ihm” erwartet, der mich zusammen mit all den anderen Himmelskatzen ins Regenbogenland führen wird.

Abends, wenn alles ruhig ist und alle schlafen, denke ich ohne Wehmut ab und zu an mein früheres Leben zurück.

Dann schweifen meine Gedanken zu dem Tag zurück, dem 8. März 2014, ich stehe in dem Garten von Georgies Mama ... und sehe sie ... eine schwarzweiße Schönheit mit gelben Augen in dem Licht der aufgehenden Sonne – KYRA, eine Katzendame, die für mich unerreichbar bleibt. Sie trägt über seinen Tod hinaus ihren langjährigen Lebensgefährten “Baby” in ihrem Herzen. Aber auch für sie wird es eines Tages ein Happyend mit “Baby” geben … hinter der Regenbogenbrücke.

 

© Findus – M. Weisheit

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Kommentare: 1
  • #1

    Zora (Sonntag, 26 Oktober 2014 20:44)

    :-) :-)
    "Das Ziel des Schreibens ist es,
    andere sehen zu machen."
    (von Joseph Conrad, britisch-polnischer Autor )