Kater Andors Aufgabe

Ich bin mit meinen Geschwistern in einer Gartenanlage geboren worden und wir haben uns dort „angesiedelt“.

Als wir alle noch ganz klein waren, war unsere Mutter noch bei uns.

Eines Tages kam sie nicht mehr wieder.


So schlugen wir uns durch die ersten Lebensmonate und die Familie, denen der Garten gehörte hat uns immer mal gefüttert. Schnell haben wir auch das nahe Haus dieser Menschen-Familie gefunden und haben dort um Einlass gebettelt. Leider durften wir das nicht.

Auch die Nachbarn haben uns verjagt.

 

Weil meine Schwester nun schon selbst Nachwuchs hatte, wuchs unsere kleine Garten-Gemeinschaft schnell an.

Ich brauche nichts zu verheimlichen: Wir waren Streuner, vernachlässigt – also immer hungrig und uns war ständig kalt, weil wir keinen richtigen Unterschlupf hatten.


So habe ich irgendwann beschlossen, meine Gemeinschaft zu verlassen. Was blieb mir anderes übrig?

Ich war ein Heranwachsender – ich suchte das Abenteuer und vor allen: ESSEN!

Am Anfang war es herrlich – ich habe überall gebettelt und gejammert. Zwar mit mäßigem Erfolg, aber ich war frei.

Dann traf ich IHN – meinen Feind.

Er war ein richtiger „Kater-Straßen-Gang-Chef“, mit jeder Menge Kampferfahrung und einprägsamen Kampfspuren im Gesicht, über einen Katzenkopf größer und länger als ich.

Es kam zu schlimmen Kämpfen. Ich schäme mich zu sagen, dass ich immer jämmerlich verloren habe und anschließend ziemlich übel zugerichtet war.

 

Nach dem bislang schwersten „Gefecht“ fand ich mich hinter den Mülltonnen eines Hauses wieder. Ich war ziemlich schwer verletzt. Ich wollte nur noch schlafen.

Ich schaute noch am Haus hoch und sah einen prächtigen, wohlgenährten etwas älteren Kater, der alles beobachtet hatte, dann bin ich vor Erschöpfung eingeschlafen …

Als ich mich da hinter den Mülltonnen versteckte, kam eine Frau aus dem Haus und hat mich vorsichtig begutachtet. Sie hat wohl gesehen, dass ich verletzt war.

Schließlich hab ich mich von ihr hochheben lassen und sie hat mich mit in ihr Haus genommen.

 

Ich kannte ja keine geschlossenen Räume, also hab ich mir erst mal ein Versteck hinter einem alten Schrank gesucht. Dann aber gab es Essen – ganz viel – 2 Schüsseln voll!!! Und die Frau hat mein Fell saubergemacht und meine Wunden angeschaut.

Dann musste ich in eine kleine Box gezwängt zum Tierarzt und bis heute habe ich ihm nicht verziehen, was er da gemacht hat. Ich hab das Wort „Grundjustierung“ gehört – was immer das auch ist – Freunde, es war nichts Erfreuliches!

Die Frau hat mich dann wieder meiner Wege gehen lassen, hat mir am Fenster aber immer lange nachgeschaut und gesehen wohin ich gehe.

Ich war ca. 1 Woche weg und habe meine Sachen erledigt, aber ich hatte mich zu einer Entscheidung durchgerungen,

und ab da bin ich jeden Tag wieder zum Haus und hab nach ihr gerufen. Laut und stundenlang – bis sie kam und mir Essen gebracht hat.

Oft saßen wir lange zusammen und ich habe auch schon mit ihr geschmust. Sie sah immer so traurig aus – da hab ich dann meinen Katercharme spielen lassen.

Eines Tages ging es mir nach meinen Streifzügen gar nicht gut – es gab mal wieder Dresche vom Revier-Chef, aber diesmal war irgendwie alles anders.

 

Als die Frau mich so sah, hat sie mich wieder mit in ihr Haus genommen und mich einquartiert.

Ich hatte mir eine schwere Infektion zugezogen.

 

Am anderen Ende des Hauses wohnte der ältere Kater und er hat mich dann mal besucht.

„Wer bist du?“, fragte ich.

„Ich bin hier der Chef – du kannst froh sein, dass ich alt und krank bin, sonst würde ich dir den Fellpo versohlen“, antwortete er.

Schüchtern hab ich ihn angesehen. Er war sehr edel obwohl er nur 3 Beine hatte und ihm auch schon ein paar Zähne fehlten. Er setzte sich neben mich und sagte:

„Pass auf, mir gefällt nicht, dass du hier bist. Aber ich sehe, dass es dir nicht gut geht. Ich hab eine Aufgabe für dich!“

„Eine Aufgabe?“, fragte ich.

„Ja, pass auf – ich muss bald weg. Kannst du auf sie aufpassen?“

„Wohin willst du denn?“

„Weg eben – kann ich dir Jungspund jetzt nicht erklären.

Nur so viel – ich hab eine Verabredung mit meiner Dame. Verstehst du eh nicht.

Passt du nun auf sie auf – Ja oder Nein?“, fragte er grimmig und verzog sein mächtiges Katergesicht.

 

„Auf wen?“, fragte ich erstaunt und nieste laut.

„Mei, bist du ein Depp – auf mein Frauchen natürlich! Hör mal – ihr geht es nicht so gut. Und wenn ich weg bin braucht sie jemanden, der sie tröstet!“

„Ähhmm – ja klar. Solang du weg bist mach ich das gern. Wann kommst du denn wieder?“

 

Er lachte und ging schweigend in sein Zimmer.

Eine Woche später, als es mir wieder besser ging, hab ich die Frau laut weinen hören. Ich hab nach ihr geschaut und da hatte sie den stolzen alten Kater im Arm, - er war gegangen.

Jetzt verstand ich. Er war jetzt bei seiner Dame.

 

Und ich hatte es ihm ja versprochen – bis heute passe ich auf sie auf - und sie auf mich.

 

© S. Wetzel

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Kommentare: 4
  • #1

    Sissy (Dienstag, 14 Oktober 2014 18:40)

    Ach Andorchen,

    Deine Geschichte ist so schön.

    Und ich weiß, dass Du gut auf Dein Frauchen aufpasst und sie auf Dich, lieber Freund.

  • #2

    Zora (Freitag, 24 Oktober 2014 20:41)

    Ach, Andor,
    eine sehr schöne Geschichte, bei der ich sofort mitfühlen kann!! Bitte paß auch gut weiterhin auf Deine Mama auf, denn auch sie tut alles für Dich und Anton!! Viele Küßchen auf`s Schnäuzchen für Euch :-)

  • #3

    Freya (Samstag, 11 April 2015 09:57)

    Ach Andor, ist das eine schöne Geschichte!

  • #4

    Birdie (Donnerstag, 17 Dezember 2015 10:42)

    Ach oh weh,was für eine traurige Geschichte mit einem schönen Ausgang.
    Mir kamen ein paar Tränen und dann mußte ich wieder lachen.
    Ich freue mich,das es Dir jetzt gut geht.